Betriebsseelsorge

„Betriebsseelsorge – Auf der Seite der Schwächeren, Geplagten“

Der Sinn dieser Seite ist, ein für alle Male, auf diesem Erdenballe, für BetriebsrätInnen, GewerkschafterInnen und kirchliche Leute in aller Kürze zu klären, auf welchem theoretisch-theologischen Boden die Betriebsseelsorge steht.

Biblische Schriften
Hauptquelle, von der alle anderen Zu- und Einflüsse abhängen, sind die heiligen Schriften des Alten und Neuen Testaments. Man kann in der Theologie über vieles streiten, nicht aber darüber, auf welcher Seite der christliche Gott steht: Er ist immer auf der Seite der Schwächeren, der Unterdrückten, der Ausgeschlossenen und setzt sich für die Befreiung aus Notlagen – egal ob verschuldet oder unverschuldet –  jeglicher Art ein.

– Altes Testament
Niedergeschrieben vor fast 3000 Jahren im Buch Exodus und Deuteronomium. Es ist der rote Faden durch das gesamte Alte Testament.
„Der Herr sprach: Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen, und ihre laute Klage über ihre Antreiber habe ich gehört. Ich kenne ihr Leid. Ich bin herabgestiegen, um sie der Hand der Ägypter zu entreißen …“ (Ex 3,4-9)

– Neues Testament
Ziemlich am Anfang des Lukas-Evangeliums und am Beginn des öffentlichen Auftretens Jesu steht die sozialpolitische Leitlinie von Jesus.
„Er (Gott) hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe.“ (Lk 4, 16-20)

KSL – Katholische Soziallehre
– 1891, mindestens 50 Jahre! zu spät, nimmt Papst Leo XIII. in seiner Sozialenzyklika „Rerum Novarum“ (über die neuen Dinge) erstmals Stellung zur „Arbeiterfrage“. Inzwischen feierten liberales Wirtschaften mit unbeschränkten Arbeitszeiten, Kinderarbeit, Ausbeutung, 6-Tage-Woche, etc. fröhliche Urständ. Sowohl Staaten als auch die Kirchen schauten weg.
Seitdem versuchen die Päpste in meist 10-jährigem Abstand neue Dokumente zur „Sozialen Frage“ zu veröffentlichen. Im Bewusstsein der Menschen und der Christen ist sie noch wenig angekommen. Zum Beispiel die Sätze: „Der Mensch ist Mittelpunkt, Ziel aller Politik und Wirtschaft.“ Oder „Soziales hat Vorrang vor Kapital“.
– Früchte: Alle christlichen Parteien berufen sich auf die Katholische Soziallehre.

Joseph Cardijn, KAJ – KAB
– In den 1920er Jahren sieht der belgische Priester Joseph Cardijn die Not der gebeugten ArbeiterInnen, die ihm von den Fabriken entgegenkommen. Er gründet JungarbeiterInnen-runden, die sich regelmäßig treffen, ihre Arbeitssituation reflektieren, Orientierung im Glauben und in der Bibel suchen und Handlungsschritte überlegen.
Auch die österreichische KAJ und KAB sind Früchte davon. Seine berühmte Methode ist: „Sehen – Urteilen – Handeln“. Die Aussprüche „Die kleinste Arbeiterin ist mehr wert als alles Gold dieser Erde“ zeugen von seiner Wertschätzung der ArbeiterInnen.
– Früchte: KAJ, KAB in Österreich und Deutschland; ACO in Frankreich und Belgien.

Gründung der Betriebsseelsorge in der Voest-Linz
1953 ist das Gründungsdatum der Betriebsseelsorge in Österreich. Auf dem Voest-Gelände wird eine Pfarre errichtet (Kapelle, Veranstaltungsräume, etc.). Etwa nach dem Motto: Kommen die Fabriksarbeiter nicht in die Kirche – Kommt die Kirche in die Fabrik. Das Betriebsseelsorgezentrum Voest ist das Urmodell sämtlicher Betriebsseelsorgestellen.

Französische Arbeiterpriester
– In den 1950-er Jahren beginnen französische Priester als ganz normale Arbeiter, oftmals anonym, in Fabriken zu arbeiten und werden auch von diesen bezahlt. Sie gründen ähnlich der KAJ/KAB FabriksarbeiterInnen-Runden und engagieren sich in Gewerkschaften.
– Früchte: Arbeitseinsätze von Priestern und Laien in Fabriken.

Zweites Vatikanisches Konzil
– Von 1962 bis 1965 tagten ca. 2000 Bischöfe aus aller Welt samt ihren Beratern und Theologen in Rom. In ihrem Dokument „Gaudium et spes“ (Freude und Hoffnung), stellt es die Weichen dafür, dass die Zielgruppe aller kirchlichen Anstrengungen alle Menschen in allen Lebenslagen ist.
„Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi.“
– Früchte: Einzelne Diözesan-Synoden beschließen die Errichtung von Betriebsseelsorge-stellen in Österreich und Deutschland.

Befreiungstheologie
– Gustavo Gutierez, ein peruanischer Priester, inspiriert von der alttestamentlichen Befreiungstat JAHWES, der sein Volk mit Hilfe Mose in die Freiheit führte und vom zweiten Vatikanischen Konzil, formulierte 1968 als erster, dass die Aufgabe der Kirche gleich Mose sei, und die südamerikanische Bevölkerung aus  Unterdrückung und westlicher Ausbeutung in die umfassende Freiheit (ökonomisch, politisch und psychisch) zu führen habe.
‚Die berühmtesten Formulierungen sind wohl: „Option für die Armen“, „Sprachrohr der Armen“.
– Früchte: Basisgemeinden; Bibelgruppen; Ausdehnung der Zielgruppen auf die Schwächeren

Feministische Theologie
– Als erste beginnen evangelische Theologinnen in den 1950-er Jahren die Schätze der Bibel aus der Perspektive von Frauen zu entdecken und zu verbreiten. Die bekannteste ist wohl Dorothee Sölle.
In den 1970-er Jahren werden diese Perspektiven und Erkenntnisse von den katholischen Theologinnen und der Betriebsseelsorge wahrgenommen.
– Früchte: Bibelrunden für Frauen

Papst Franziskus
Papst Franziskus ist der momentan heftigste Vertreter der Befreiungstheologie. Sein Ausspruch, „Diese Wirtschaft tötet“, ist wohl so manchem, hoffentlich, noch im Ohr.
Sein Aufruf – statt des Schielens nach „Gewinnmaximierung“ – eine allumfassende Gesellschaft, Politik, Wirtschaft im Sinne einer „Revolution der Liebe“ zu schaffen, ist Orientierung für die nächste und weitere Zukunft.

Hugh, Glück auf, Amen!

(Max Bramberger)